Genitalverstümmelung

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Stuttgarter Zeitung





26.11.2008

Mädchen darf Großeltern in Äthiopien nicht besuchen

Gefahr der Genitalverstümmelung Behördenwahnwitz

oder berechtigte Fürsorge? Anonyme

Anzeige bringt den Stein ins Rollen

Ein zehnjähriges Mädchen aus Schopfheim (Kreis Lörrach) darf ihre Großeltern in Äthiopien nicht besuchen. Dort sei eine Genitalverstümmelung nicht auszuschließen, urteilte das Gericht. Den Eltern wurde daraufhin das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen.

Von Martin Geier

Der Schopfheimer Fachanwalt für Familienrecht, Claus Huber, fasst es nicht. Derselbe Richter, der bereits im September eine einstweilige Anordnung des Amtsgerichts in Bad Säckingen erlassen hat, rückte keinen Millimeter von seiner Meinung ab. Den Eltern einer Zehnjährigen wurden "die elterliche Sorge insoweit entzogen,

als es um die Veranlassung oder Genehmigung von Reisen ins Ausland geht." Die Eltern sind konsterniert. "Wie kann man uns unterstellen, dass wir unserer Tochter Leid antun wollen?" fragt der Vater, ein gebürtiger Äthiopier.

Auch eine Stellungnahme der deutschen Botschaft in Addis Abeba, in der dargelegt wurde, dass die Großeltern überzeugend ihre Abscheu über Genitalverstümmelungen kundtaten, hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung des Familiengerichts. Dieses folgte der Linie des Jugendamts, das argumentierte, eine Gefahr von dritter Seite für eine Beschneidung sei bei einem Besuch des Mädchens in Äthiopien nicht auszuschließen. Gegen das in nichtöffentlicher Sitzung ergangene Urteil legen die Eltern Beschwerde beim Oberlandesgericht in Karlsruhe ein.

Einen Skandal nennt Claus Huber den "Behördenwahnwitz", der im Sommer seinen Lauf nahm. Die beiden Kinder der Familie saßen praktisch auf gepackten Koffern. Der Vater, ein Deutscher mit Migrationshintergrund,freute sich, weil die Sprösslinge erstmals ihre äthiopischen Großeltern sehen sollten. Dafür hatten die Eltern lange gespart. Doch plötzlich flatterte ein Brief vom Landratsamt Lörrach ins Haus, über dessen Inhalt sich die Mutter, eine Italienerin, zunächst ausgeschüttet hatte vor Lachen: Den Eltern wurde der Beschluss des Familiengerichts in Bad Säckingen mitgeteilt, dass ihnen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre zehnjährige Tochter teilweise entzogen worden sei. Begründung: Es bestehe die Sorge, dass bei dem Mädchen am Ferienort eine Beschneidung (Genitalverstümmelung) vorgenommen werden könnte.

Die Eltern waren entsetzt: als ob sie in der Lage wären, ihre Tochter dieser grausamen Prozedur auszusetzen, die Frauen ein Leben lang zeichnet. Bei dem uralten afrikanischen Initiationsritus und operativen Eingriff, der großen pharaonischen Beschneidung, verbluten jährlich unzählige Mädchen. Seit Jahren machen Frauen auf der ganzen Welt gegen diese Verstümmelung mobil.

Allein die Unterstellung machte die Eltern fast verrückt, denn die Mutter ist gläubige Katholikin, der Vater Mitglied der orthodoxen Kirche. Der gesamte Familienclan gehört in Äthiopien der Oberschicht an. Der Opa war Oberst bei der Luftwaffe, die Großmutter leitet in Addis Abeba eine Grundschule und betreut Waisenkinder, eine Schwester ist aktive Frauenrechtlerin und arbeitete bei den Vereinten Nationen in Genf. Der Familienverband gilt als aufgeklärt und lehnt aus ethischen Gründen die Beschneidung ab. Weder die Großmütter noch die sieben Schwestern des Schopfheimer Familienvaters sind beschnitten. Die Beschneidung von Mädchen ist in Äthiopien verboten, wird allerdings auf dem Land noch durchgeführt.

Eine anonyme Anzeige hatte den verhängnisvollen Stein ins Rollen gebracht. Die Mutter hatte am Arbeitsplatz von der bevorstehenden Reise ihrer Kinder zu den Großeltern nach Äthiopien erzählt, dies wurde der "Task Force für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" in Hamburg gemeldet. Diese stellte daraufhin beim Amtsgericht in Bad Säckingen einen Eilantrag "wegen drohender Gefährdung von Genitalverstümmelung der minderjährigen Tochter" und beantragte "den Entzug der elterlichen Sorge hinsichtlich der Ausreise nach Äthiopien".

Das Gericht beauftragte das Jugendamt, ein Gutachten über die deutsche Familie mit äthiopischem Hintergrund zu erstellen. Nach einem Gespräch mit den Betroffenen kam der Gutachter zu dem Schluss, dass der Familie, die viele Jahre in Deutschland lebe, die Förderung und Entwicklung der Kinder sehr am Herzen liege und sie die Beschneidung ablehne. Dem Jugendamt habe somit "keine Hinweise auf die Gefahr einer drohenden Kindesgefährdung durch Beschneidung". Nur zwei Tage nach dem positiven Bescheid des Amtsgerichts stellte das gleiche Jugendamt offensichtlich auf Intervention der Hamburger Eingreifgruppe erneut denselben Antrag, weil man nachträglich festgestellt habe, dass es in Addis Abeba keinen funktionierenden internationalen Sozialdienst gebe, an den sich das Mädchen aus Schopfheim im Notfall hätte wenden können. Gegenüber der "Badischen Zeitung" hatte die Dezernentin im Landratsamt erklärt, es bestehe kein begründeter Verdacht und keine konkrete Besorgnis, aber man könne nicht ausschließen, dass an dem Mädchen gegen seinen Willen und gegen den Willen der Eltern eine Beschneidung vorgenommen werde. Zwei Wochen später wurden die Eltern zum Jugendamt gebeten und aufgefordert eine Einverständniserklärung zu unterschreiben, die Tochter nicht nach Afrika reisen zu lassen und das Mädchen bis zur Volljährigkeit regelmäßig gynäkologisch untersuchen zu lassen.

Der Arbeitgeber des Vaters riet davon ab. "Das ist unglaublich, keiner von uns würde sich so etwas bieten lassen", sagte dieser der "Badischen Zeitung". Die Eltern unterschrieben nicht, worauf das Jugendamt dem Gericht mitteilte, sie seien nicht kooperationsbereit. Daraufhin entzog das Amtsgericht Bad Säckingen den Eltern in einer einstweiligen Anordnung das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die zehnjährige Tochter. Ihr Anwalt legte dagegen Widerspruch ein, das Jugendamt verlangt ein Urteil.

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